Gedanken über Monosexismus – II

Dies ist Teil 2 meiner Reihe über Monosexismus. Teil 1 findet ihr hier.

CN: (evtl. anstößige Wörter für) Sex, Sexualfeindlichkeit, sexuelle Belästigung, Heteronormativität allgemein, feindselige Einstellungen gegenüber sowie Entmenschlichung / Entpersonifizierung und Dämonisierung von trans, bi, a, queeren, lesbischen und schwulen Personen.

 

 

 

 

 

 

Disclaimer: Ich greife in weiten Teilen auf eine Sprache zurück, die sich auf binäre Geschlechter, Männer und Frauen, bezieht. Damit will ich keinesfalls aussagen, dass es nur Frauen und Männer gibt. Aber zur Analyse von Machtstrukturen in Beziehungen ist es wichtig, die Kategorie Geschlecht mit einzubeziehen und weil ich in einer Gesellschaft lebe, die sich auf ein binäres Geschlechtersystem beruft, kann ich es schwer vermeiden, mich darauf zu beziehen.

Übersexualisierung von bi Personen

Ich glaube, generell wird alles, was von der Hetero- und Cis-Norm abweicht, (über)sexualisiert oder auf Sexualität reduziert. Damit diese Abwertung funktioniert, muss Sex etwas Schlimmes sein. In einer Gesellschaft, in der die Körperteile, die dabei meist involviert sind, als Beleidigung dienen, ist es eigentlich einleuchtend, aber es wird oft nicht beachtet oder reflektiert. Wer Sex hat, tut also was schlimmes und ist dadurch auch irgendwie schlimm. Unter einer Voraussetzung kann dieser böse, schmutzige Sex reingewaschen werden: Indem er voller Liebe und unter zwei heterosexuellen, heteroromantischen cis Personen stattfindet und bloß nicht zu pervers oder abweichend ist, wobei sich die Grenzen, was akzeptabel ist, verschieben. Mittlerweile ist wohl mehr als Missionarsstellung im Dunkeln erlaubt, aber dennoch gibt es strikte Regeln, was okay ist und was nicht. Vor allem dürfen Geschlechterrollen, -bilder und -grenzen nicht verhandelbar werden – was beim Sex von lesbischwulen und trans Personen schnell passiert.
Da alles andere wohl böser Sex ist, können die Personen, die diesen bösen Sex haben, am einfachsten entmenschlicht werden, indem sie nicht nur von der Heteronorm abweichen, sondern ihnen auch die Fähigkeit, zu lieben aberkannt wird. (Btw, deshalb gelten aromantische Leute ja auch als besonders böse. Und asexuelle, weil in der Hetero-Norm [Hetero-]Sexualität untrennbar mit Menschsein verbunden ist.) Dass es bi, lesbischen und schwulen Menschen nur um Sex geht, ist dabei Voraussetzung. Es geht nicht um Liebe, sondern um’s Ficken – was sich auch in pseudo-annehmenden Aussagen wie: “Es ist mir doch egal, was andere im Bett tun” zeigt. Wer so etwas sagt, meint es vermutlich nicht einmal böse, reduziert LSB Personen und ihre Beziehungen aber auf Sex. Ebenso wird trans Personen unterstellt, ihre Identität sei eigentlich nur ihr sexueller Fetisch, obschon es cis Personen sind, die trans Körper zu ihrem Fetisch erklären.

Wo aber ist nun der Bezug zum Monosexismus, wenn ich bisher auch lesbische und schwule Personen einbezog?

Als Mischwesen aus Hetero- und Homosexuellen angesehen, trifft Bisexuelle die Sexualisierung, die Lesben und Schwulen aufgedrückt wird, nicht weniger, sondern mehr. Durch Monosexismus wird Bisexualität als unstet angesehen, und dieses Bild verstärkt die Sexualisierung. Das Klischee, dass Bisexuelle keinesfalls treu sein könnten, zeigt, dass sie als triebgesteuerte Wesen betrachtet werden – und da sie, wie oben schon festgestellt, zur Liebe unfähig sind und nur ihren Trieben folgen, ist es okay, sie zu Unpersonen zu erklären und sexuell zu nutzen, wie es beliebt. Es ist oft schwer, zu sagen, dass * bi sei, ohne dass dies zu einer enormen Fetischisierung führt.

Fetischisierung von bi Frauen

Besonders bi Frauen (und bi Personen, die fälschlicherweise für Frauen gehalten werden) sind der Traum von Menschen, die in ihrer männlichen heterosexistischen Überlegenheit glauben, über andere verfügen zu können. Funktioniert es bei lesbischen Frauen noch, Typen, die sie anbaggern, zu verspotten, dass sie das Wort “lesbisch” nicht verstünden, gibt es für bi Frauen keine Möglichkeit, sich unerwünschten männlichen Annäherungen zu erwehren. Im Gegenteil:Ich bin bi” wird eher als Ermunterung gesehen, da es Porno-Phantasien bedient.Ich bin aufgrund meiner sexuellen Orientierung nicht an dir interessiert” scheint, neben “Ich bin bereits im Besitz eines Mannes”, das einzige Argument zu sein, das gilt, wenn es darum geht, dass eine Frau an einem Mann kein Interesse hat. Falls überhaupt irgendeins gilt und akzeptiert wird. “Du benimmst dich ekelhaft und ich fühle mich unwohl” scheint kein Grund zu sein, ebenso wenig wie: “Ich will einfach nur tanzen” oder ganz auf eine Begründung zu verzichten. Ich merke selbst, wie ich vermeiden möchte, zu sagen, dass ich bi bin, weil ich dann als Freiwild gesehen und von Menschen begehrt werde, von denen ich nicht begehrt werden will. Ich möchte “bi” von mir schieben und behaupten, lesbisch zu sein, damit Männer mich in Ruhe lassen (was oft nicht funktioniert. Habt ihr vielleicht auch schon erlebt). Und würde ich das tun, wäre ich in der Sichtweise mancher auch noch schuld daran, dass hetero Männer lesbische Frauen belästigen. Denn wenn ich sage, ich sei lesbisch und sie dann vielleicht doch sehen, dass ich mit einem Mann knutsche, würde das ihnen ja zeigen, dass Frauen lügen, wenn sie behaupten, lesbisch zu sein oder dass sie nur überzeugt werden müssten. Shiri Eisners These ist, dass lesbische Frauen, die belästigt werden, eigentlich keine Lesbenfeindlichkeit, sondern Bifeindlichkeit erfahren. Ich weiß nicht genau, was ich davon halte, aber die Vorstellung, dass alle lesbischen Frauen eigentlich bi sind und alle bi Frauen eigentlich hetero, also eigentlich alle Frauen ausschließlich auf Männer stehen, erscheint mir zugleich absurd und einleuchtend. (Kann aber auch sein, dass ich die Stelle nicht richtig verstanden habe.)

Wird bi Frauen nun aber die Schuld zugeschrieben, dass lesbische Frauen von (hetero) Männern belästigt werden, findet eine unangenehme Verschiebung von Verantwortung statt: Es ist nun nicht mehr die Schuld von Männern, dass sie grenzverletztende Ekelpakete sind, sondern die von Frauen. Das nennt sich Victim-Blaming. Wir sollten nicht zulassen, dass wir anderen Frauen die Schuld am schlechten Verhalten von Männern zuschieben. Männer sind für ihr Verhalten selbst verantwortlich.
Dazu fällt mir noch ein, dass mir von einer der wenigen anwesenden Frauen vorgeworfen wurde, albern zu sein, weil ich eine Freundin küsste und die umstehenden Männer (meine “Freunde”) zu jubelten und gröhlten. Es ist also meine Aufgabe, möglichst nicht bi zu wirken, um möglichst nicht fetischisiert zu werden. Aha. Personen abwerten und zu seinen Lustobjekten machen – kein Problem. Küssen, wenn du Lust dazu hast – böse, wenn andere sich daran aufgeilen. Logisch.

Ist ein hetero Mann mit einer bi Frau zusammen, ergibt sich eine andere fiese Sache. Bi Frauen geben in der Heterowelt kein “Beziehungsmaterial” ab. Das erwähnte Bild, dass Bisexuelle nicht treu sein können, kann nicht nur zu Eifersuchtsdramen, bei denen die Grenze zur Gewalt schwimmend ist, führen, sondern illustriert Bisexuelle auch als triebgesteuerte Bestien, die keine Menschen sind und deshalb auch nicht mit Würde behandelt werden müssen. Bi Frauen sind allerhöchstens als Sexobjekte zu gebrauchen, bis die Dreier-Phantasien Verlustängsten weichen. Immerhin bedeutet Verlustangst, dass der Mann nicht soooo misogyn ist, dass er Frauen keinesfalls als Konkurrenz ansieht. Es gibt nämlich einen gewaltigen Sexismus, der aussagt, dass nur Beziehungen zu Männern die einzig wahren sind. Noch unvorstellbarer als eine bi Frau, die ausschließlich Sex mit ihrem Partner hat, scheint es zu sein, dass eine bi Frau ausschließlich Sex mit ihrer Partnerin hat. Deshalb gilt: “Ich bin bi, aber nur an meiner Freundin interessiert” schlicht nicht.

Meine Erfahrung aus Beziehungen mit hetero Männern zeigt, dass vor den Freunden geprahlt wird, mit ner bi Frau den Jackpot geknackt zu haben (außer bei dem einen, enorm homo- und bifeindlichen Typen, der mich aufgrund meiner Sexualität permanent abwertete und zu beschämen versuchte), während unter vier Augen Verlustängste, das Gefühl der Unzulänglichkeit und Eifersucht diskutiert werden müssen.

Mit meinem Enby-Coming-Out hat es sich für mich sowieso erledigt, monosexuelle Personen zu daten, daher ergeben sich diese Probleme nicht mehr. Glück gayhabt!

Bi Männer als Bedrohung der Heterowelt

Bi Männer scheinen hingegen in ihrer angeblichen Position als Mischwesen aus hetero- und homosexuellen Leuten durch ihre Uneindeutigkeit die heile Hetero-Welt zu zu bedrohen. Wenn frau mit einem Mann flirtet und er darauf eingeht, kann sie nicht davon ausgehen, dass er hetero sei. Im Bezug zu der misogynen Vorstellung, dass Frauen weniger wert sind als Männer, scheint es auch schwer vorstellbar, dass sie Personen verschiedener Geschlechter die gleiche Wertschätzung entgegen bringen. Während diese Annahme die Vorstellung speist, dass alle bi Frauen eigentlich hetero seinen, führt sie auch dazu, dass allen bi Männern unterstellt wird, eigentlich schwul zu sein.

Männliche Bisexualität erscheint er als permanente Bedrohung der Heterowelt, weil der bi Mann seine Partnerin jederzeit für einen Mann verlassen könnte. Auch Bilder von Männern, die auf Parkplätzen ungeschützten Sex mit anderen Männern haben, bevor sie nach Hause fahren und mit ihrer Partnerin schlafen, bedienen durch Angst vor HIV und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten das Bild der Bedrohung der Heterowelt. Hier wird diese Bedrohung nicht nur als eine soziale oder ökonomische gesehen, sondern wird eine direkte Gefahr für die körperliche Gesundheit der heterosexuell angenommenen Partnerin.

Und auch wenn ich mich schon für ziemlich reflektiert halte und selbst aus ner bi Perspektive spreche, habe ich bei mir selbst die Angst gemerkt, dass 1 meiner Lieblingsentitäten doch merken könnte, schwul zu sein und mich für wen zu verlassen, dier maskuliner ist als ich.

Bisexualität und Polyamorie

Zunächst will ich auf die im vorangegangen Artikel erwähnten Bi-Paare, die aus hetero Mann und bi Frau bestehen, eingehen. Eigentlich könnte es schön sein, dass wenigstens in einer Konstellation keine monosexistische Beschreibung verwendet wird, wenn ein Paar aus einer mono- und einer bisexuellen Person besteht. Leider ist es nicht schön, weil die Bisexualität der Frau hier instrumentalisiert wird und in erster Linie dazu dienen soll, dem Mann Freude zu bereiten. Die mysteriöse Einhorn-Jagd, also die Suche nach einer Frau, die sich dem Paar anschließt und es komplett macht, zeigt hier auch, dass bi Frauen nicht als Subjekte gesehen werden. Selbstverständlich wird erwartet, dass sich die dritte im Bunde den Regeln, die das Paar bislang ausgehandelt hat, unterwirft und keine eigenen Ansprüche einbringt. (Damit will ich nicht aussagen, dass alle Leute, die eine Triade wünschen, das so machen.) Hierbei wird vollkommen ignoriert, dass sie nicht eine Beziehung komplett macht, sondern zwei neue Beziehungen entstehen und sich die Dynamik der Beziehung, die als erstes bestand, vielleicht auch verändert. Deshalb sprechen wir vom Einhorn: diese Frau gibt es nicht. Hoffentlich. Denn ich wünsche allen bi Frauen, in Beziehungen zu sein, in denen sie als Personen anerkannt sind und ihre Bedürfnisse und Wünsche ernstgenommen werden.
Tatsächlich kam es bi Paaren dieser Art selten in den Sinn, dass ich beide mögen und attraktiv finden muss, um mich auf eine, wie auch immer geartete, Beziehung zu ihnen einzulassen. Die beiden wollten mich – natürlich will ich sie dann auch. Oder?

Eine andere unangenehme Erfahrung war, dass ich, als ich Teil eines Bi-Paares war, das aus einem bi Mann und einer bi Frau bestand (auch wenn ich die Kategorie für mich mittlerweile nicht mehr passend finde) merkte, dass unser Bi-Sein bei der Suche nach anderen Leuten auf Sexualität reduziert wurde. Versteht mich nicht falsch: Ich finde es nicht schlimm, wenn Leute unverbindliche bisexuelle Dreier oder Vierer oder Fünfer machen und es genießen. Aber ich war verwundert, dass es andere Bisexuelle, überwiegend bi Männer, erstaunte, dass wir in unseren Familien und Freund*innenkreisen als bi geoutet sind und es uns vorstellen konnten, offen damit umzugehen, dass wir gleichgeschlechtliche, mehrere, polyamore oder Beziehungen zu Dritt führen. Und dass wir uns es generell vorstellen konnten, Liebesbeziehungen zu mehr als einer Person zu führen – entweder als Triade oder halt so, wie es sich gerade ergibt oder wie * sich gerade verliebt. Bisexualität als wenig verbindliches Spiel, als Sex zu Dritt ist kein Problem, aber eine wirkliche emotionale Verbindung, eine Liebesbeziehung oder enge Freund*innenschaft geht wohl zu weit.
Das zeigt vermutlich auch wieder, wie Bi-Sein auf auf Sex reduziert wird. Und polyam Beziehungen auch.

Ein weiteres Problem ist, dass aus dem “Bisexuelle können nicht treu sein!“-Klischee auch erwächst, dass es als wirklich schlimm gilt, wenn du bi und in einer offenen oder polyam Beziehung bist oder dir eine solche wünschst. Eine Möglichkeit, sich gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung zu wehren, ist die Normalisierung. Ich finde es voll okay, wenn wer sagt: “Immer dieses ‘Bisexuelle können nicht treu sein!’ Ich kann treu sein, und ich will geschlossene Zweierbeziehung!” Schwierig wird es, wenn daraus der Anspruch erwächst, dass alle bi Leute monoamore Beziehungen führen müssen, damit auch der breiten Masse bewiesen wird, dass Bisexuelle treu sein können. Oder, anders herum formuliert: Wenn Bisexuellen ein Vorwurf daraus gemacht wird, dass sie bi und polyam sind. Oder dass sie polyam sind, weil sie bi sind. Der zweite Gedanke wird oft vorausgesetzt. Ich habe mal eine kleine Umfrage einer Bi-Organisation entdeckt, in der gefragt wurde, wie Leute ihre Beziehungen gestalten. Abgesehen vom binären System, auf das sich das bezieht, waren die Fragen schwierig und werden wohl auch keine vernünftigen Ergebnisse bringen, denn es gab keine Möglichkeit, unabhängig voneinander bi und polyam zu sein. Aus dem Gedächtnis sahen die Aussagen, aus denen ich eine wählen sollte, ungefähr so aus:
Es ist mir wichtig, dass ich mit Mann und Frau schlafen kann. Daher wünsche ich mir eine offene Beziehung.”
“Es ist mir wichtig, dass ich mit Mann und Frau schlafen kann. Daher wünsche ich mir eine Dreierbeziehung.”
“Es ist mir wichtig, dass ich mit Mann und Frau schlafen kann. Daher will ich mit meiner/m Partner/in und einer anderen Person zu Dritt Sex haben.”
“Es ist mir nicht wichtig, dass ich mit Mann und Frau schlafen kann. Daher wünsche ich mir eine monogame Beziehung.”

Wie es scheint, hat kein* daran gedacht, dass Leute vielleicht bi sind und eine offene Beziehung führen wollen, aber es ihnen dabei nicht besonders wichtig ist, welches Geschlecht dier Partner*in ist. Dass diese Idee für eine Bi-Organisation undenkbar ist, zeigt stark, wie sehr dieses “Bi und Untreue hängen zusammen” in unseren Köpfen ist. Wobei es natürlich nicht schlimm ist, wenn wer polyam ist, weil xier Sex oder Beziehungen mit Leuten verschiedener Geschlechter will.

Es tut mir auch ein bisschen Leid, dass ich das “Bisexuelle können nicht treu sein!”-Klischee erfülle, weil ich bi bin und nicht will, dass meine Beziehung zu einer Person bestimmt, wie meine Beziehung zu einer anderen Person aussehen darf. Dass ich mir überhaupt Gedanken darüber mache, wie schlimm es nun ist, dass ich dieses Klischee erfülle, dass ich der Normalisierung von Bisexualität entgegen stehe, ist wohl auch ein Zeichen verinnerlichter Bifeindlichkeit.

Auf der anderen Seite eröffnet es eine Möglichkeit: Ich kann die Norm der geschlossenen Beziehung in Frage stellen (ohne dabei Personen, die eine solche führen wollen, abzuwerten!). Ich kann rebellisch sein. Ich kann so leben, dass ich mit meinen Beziehungen zufrieden bin.

Der Preis dafür ist leider, dass ich die Übersexualisierung und die damit verbundene Entpersonifizierung ertragen muss.

 

Hier wird Teil drei verlinkt werden.