Wieso “Triggered” kein witziger Kommentar ist

Allgemeine Diskussion von Trauma, psychischer Gesundheit und Krankheit, Triggern. Beispiele sind weiter unten nochmal gesondert markiert. Detaillierte Beschreibungen sind auch extra gekennzeichnet.

 

 

Zunächst ein Danke an Traumafachmensch, wo diesen Text gegengelesen und auf sachliche Richtigkeit geprüft hat =)
Durch diese ergänzenden Kommentare merkte ich, dass ich hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe, sondern einen ersten Einblick, eine grundlegende Einführung machen will. Also, es gibt noch viel mehr zu sagen, aber das hier reicht mir für den Anfang.

 

 

Kaum etwas kann mich so schnell auf 180 bringen wie “Haha! Triggered!” Sprüche. Würde sowas nur von Leuten kommen, die sich selbst als “Nazi” bezeichnen oder die offen dazu stehen, wie sehr sie Frauen hassen, würde ich das hier nicht schreiben – denn mit solchen Leuten brauche ich gar nicht diskutieren und es wäre verschwendete Zeit. Leider habe ich auch schon Leuten, die ich nicht als vorsätzlich böse einschätze, “Triggered!”-Sprüche gehört und war darüber so überrascht, dass ich froh war, dass wer anders intervenierte, weil ich einfach sprachlos war. Deshalb hier ein kleiner Erklär-Text, was “Triggered” eigentlich bedeutet und wieso mich “Witze” darüber so wütend machen.

Was ist eigentlich ein “Trigger”?

“Trigger” wird in Bezug auf verschiedene psychische Besonderheiten oder Krankheiten verwendet, um etwas zu beschreiben, was sehr schlechte Gefühle oder Impulse auslöst. Ich werde die Bedeutung in erster Linie in Bezug auf Trauma erklären, weil ich davon am meisten Ahnung habe. Ein Trigger ist in diesem Zusammenhang etwas, das die Erinnerung an ein Trauma wieder wachruft. Trigger können Wörter, Gerüche, Bilder, andere sensorische Eindrücke wie eine Berührung oder ein Geschmack sein, aber auch Jahreszeiten, Feiertage und so weiter und so fort. Es kommt oft vor, dass Leute ihre Trigger nicht kennen, nicht einschätzen können, wieso sie sich jetzt eigentlich so fühlen, nicht verstehen, was das Gefühl gerade ausgelöst hat oder den Bezug zwischen den beiden Sachen nicht begreifen. Es kann auch sein, dass Leute den Trigger so doll vermeiden, dass sie ihren Alltag schwer bewältigt bekommen. (Ich nenne unten unter [1] Beispiele, falls ihr es euch schwer vorstellen könnt.)
Vermutlich entsteht ein Trigger dadurch, dass wir verschiedene Dinge miteinander verknüpfen. Vielleicht erinnert sich wer auch an neutrale oder positive Momente, in denen wir eine Sache mit einer anderen verknüpfen. Wenn wir neutrale oder positive Erlebnisse mit etwas verbinden, ist das halt nicht problematisch. Ist es Trauma damit verknüpft, wird es schwierig.

Was ist eigentlich Trauma?

Das ist eine seeeehr gute Frage und Fachleute sind sich auch nicht unbedingt einig, was denn nun qualifiziert, ein traumatisches Erlebnis zu sein. Aber fangen wir von vorn an:

Die meisten sind sich einig, dass am Anfang ein traumatisches Erlebnis stehen muss. Dies bedeutet, dass wer eine Situation erlebt hat, in der * das eigene Leben oder die eigene körperliche Unversehrtheit bedroht sah und sich hilflos fühlte. Es kann auch sein, dass * so etwas als Beobachter*in mitbekam. Da wir empathische Wesen sind, macht es für uns wenig Unterschied, ob etwas uns passiert oder ob wir sehen, dass es anderen passiert. (Beispiele unter [2], wenn ihr euch nichts darunter vorstellen könnt.) Es ist auch möglich, dass sich Leute an traumatische Erlebnisse nicht erinnern. Dies kann der Fall sein, wenn es in der frühen Kindheit, in einer Zeit, an die die Person noch keine bewusste Erinnerung hat, passierte. Es ist aber auch nicht ungewöhnlich, dass Erinnerungen an schlimme Erlebnisse verschwommen sind oder der Zugang zu diesen blockiert ist. Das ist eine Überlebensstrategie.

Nicht jedes traumatische Erlebnis führt zwingend zu einer sog. Traumafolgestörung, also zu traumabedingten Schwierigkeiten. Je nachdem, wie viel Unterstützung die Person erfährt, ob psychische Vorerkrankungen oder andere Belastungen vorliegen, stehen die Chancen besser oder schlechter, mit der traumatischen Situation umzugehen. Auch das Alter spielt eine Rolle, da Erwachsene oft Strategien entwickelt haben, mit Belastungen umzugehen, über die Kinder noch nicht verfügen. Ein traumatisches Ereignis kann, muss also nicht zu einer Traumafolgestörung führen. Daher gibt es auch keine allgemeine Formel, was denn nun als traumatisches Erlebnis gilt und was nicht – was dier eine wegstecken kann, kann bei anderen zu einer Traumafolgestörung führen. Daher finde ich es generell schlecht, Regeln aufzustellen, was denn nun “schlimm genug” ist, um als traumatisches Erlebnis zu zählen, und finde es sinnvoller, zu schauen, ob die Person Reaktionen zeigt, die auf eine Traumatisierung schließen lassen. (Fachkräfte und das Internet haben nämlich Diagnosekriterien, an denen sie sich orientieren können. Es ist also nicht so schwer, das einzuschätzen.)

Mittlerweile ist der Begriff der Posttraumatischen Belastungsstörung, kurz PTBS, oder das englische Äquivalent PTSD (post traumatic stress disorder) recht bekannt, was ich mal als positives Zeichen deute. Da die psychiatrische und psychologische Forschung, wie alle westliche Wissenschaft, sich halt an weißen dya het cis Männern orientiert, verwundert es nicht, dass es stark an Soldaten diskutiert wurde. Im Klischee sind PTBS und Flashbacks (s.u.) an Vietnam gekoppelt. Das ist schon zum popkulturellen Klischee geworden. Das ist in audiovisuellen Medien ja auch wirklich gut umsetzbar.

So, zurück zum Trigger:

Hier kommt jetzt eine detaillierte Beschreibung davon, was passiert, wenn * getriggert wird, wie zu viel oder zu wenig wahrnehmen, Flashbacks usw. 

Der Trigger löst etwas aus. Wie gerade schon erwähnt, kann es ein Flashback, fachsprachlich auch Intrusion genannt, sein: Die Person durchlebt das traumatische Erlebnis erneut. Dies kann tatsächlich in Bild und Ton geschehen, kann aber auch ein erneutes Erleben von Gefühlen der Angst, Wiedererleben von Schmerzen usw. sein. Es kann zu Verwirrung oder Orientierungslosigkeit führen. Generell stehen auf dieser Seite das “zu viel erleben”: Dinge sehen, die nicht da sind. Panik in einer Situation, in der objektiv keine Gefahr droht. Übersteigerte Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit oder auch Aggression, Schlaflosigkeit, Alpträume und Anspannung.
Auf der anderen Seite gibt es das “zu wenig erleben”: Um ein Trauma ertragen zu können, kann es eine Strategie sein, keinen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu haben. Taubheitsgefühle, bestimmte Emotionen wie Trauer, Freude oder Angst nicht empfinden zu können kann die Folge sein. Auch ein fehlender Bezug zu körperlichen Empfindungen wie Schmerz, Hunger oder Müdigkeit ist möglich. Eine weitere Folge kann sein, dass sich in bestimmten Situationen das Empfinden komplett abschaltet und auch die Fähigkeit, zu handeln eingeschränkt wird oder zum Erliegen kommt. So werden Eindrücke als “dumpf” beschrieben. Bilder, Geräusche oder Empfindungen des Tastsinns werden kaum wahrgenommen. Mitunter kann die Person sich nicht mehr bewegen, empfindet sich als nicht mehr mit ihrem Körper verbunden, kann nicht reden, …

Ende detailliertere Beschreibung

Kurz zusammengefasst: Es fühlt sich in der Regel richtig scheiße an, “getriggert” zu sein. 

Und deshalb nerven mich “Triggered”-“Witze”

Wer “triggered” als “Witz” einwirft, sagt damit nicht nur aus:
“Ich nehme dich nicht ernst”, es wird zugleich gesagt:
“Ich nehme dich nicht ernst, weil du psychisch krank bist.” und
“Deine Gefühle sind nicht wichtig.”, sondern auch noch:
“Ich finde es so unbeschreiblich witzig, dass du mal dachtest, dass du stirbst, und deshalb jetzt besonders verletzlich bist. Dein Leid macht mich so unglaublich froh, weil ich ein richtig schlechter Mensch bin!”

Deshalb: Wer “Triggered”-Sprüche macht, ist einfach ein riesiger Vollarsch und hat es verdient, für immer einsam zu sein. Wenn du kein riesiger Vollarsch bist, kannst du andere Varianten finden, deinen Gefühlen Luft zu machen oder deiner Verwirrung Ausdruck zu verleihen. Ich hab ein paar Ideen für dich:

  • Ich habe nicht damit gerechnet, dass das so heftige Gefühle bei dir auslöst. Können wir da vielleicht später nochmal drüber reden?
  • Okay, ich scheine dich echt toll verletzt zu haben und weiß nicht, warum.
  • Es tut mir leid, dass ich was gesagt hab, was zu dieser Reaktion geführt hat. Ich will dazu lernen und fände es deshalb toll, wenn wir das besprechen.
  • Deine Gefühle und deine Wut haben eine Daseinsberechtigung, aber leider ist es auch für mich nicht tragbar, wenn wer so mit mir redet. Also, mach’s gut.
  • Oh, kacke, da ist etwas gerade echt anders gelaufen, als es sollte. Können wir das irgendwie wieder in ne sinnvolle Bahn lenken?
  • Ich verstehe nicht, wieso du gerade so bist. Ich würde es aber gern verstehen.

Hm, mir ist gerade aufgefallen, dass es echt nicht so leicht ist, sinnvolle Alternativen zu finden, weil so “triggered”-Sprüche immer enthalten: “Das, was du fühlst, darfst du gerade nicht fühlen / ist falsch”, so eine “Du übertreibst!”-Sache… Aber das wäre ein anderes Thema. Also, versuche es vll mit 1 von den Sätzen, oder sei einfach still. Lass auf jeden Fall diesen “Triggered!”Scheiß.

 

 

 

 

 

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[1] Ein Beispiel könnte sein, dass wer im Frühling das Haus kaum verlässt, weil * durch die Jahreszeit getriggert wird. Oder dass * nicht mehr einkaufen gehen kann, weil der Geruch eines bestimmten Parfüms Traumaerinnerung wachruft. Ebenso können Aktivitäten wie ins Kino gehen schwer werden, wenn in Filmen oft Themen behandelt oder Handlungen gezeigt werden, die an das Trauma erinnern.

[2] Naturkatastrophen, wie z.B. bei einer Überschwemmung fast ertrinken, aber auch sehen, wie wer anders ertrinkt, kann ein traumatisches Erlebnis sein. Einen schweren Unfall überleben oder beobachten, wie wer durch einen Unfall stirbt kann zu Trauma führen. Körperliche Gewalt, die als Bedrohung für das eigene Leben, aber auch ein starker Angriff auf das eigene Wertesystem ist, kann traumatisch sein. Beispielsweise wenn wer Folter überlebt, Folter beobachtet, aber auch Erlebnisse wie überfallen oder zusammengeschlagen, mit einer Waffe bedroht werden, einen Mordversuch überleben, einen Mord beobachten usw. gelten gemeinhin als traumatische Erlebnisse. Krieg, Verfolgung und Vertreibung können Auslöser für eine PTBS sein. Sexualisierte Gewalt führt oft zum Trauma.

2 Replies to “Wieso “Triggered” kein witziger Kommentar ist”

  1. Ich bin absolut gegen die Pathologisierung von unsozialem Verhalten. Dies verstärkt das Stigma, dass psychisch kranke Menschen böse oder gefährlich seien. Ich bleibe bei meinem Urteil, dass sie einfach Vollärsche sind.

  2. “Deshalb: Wer “Triggered”-Sprüche macht, ist einfach ein riesiger Vollarsch und hat es verdient, für immer einsam zu sein.”

    so nicht ganz korrekt, denn solche niveaulosen, vorsätzlich provokativen äußerungen werden nur von einer ganz bestimmten sorte “mensch” getätigt: trollende psychos.

    http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/troll-studie-sadistisch-narzisstische-netzpsychopathen-12830790.html

    aber ja, “die” haben außer einsamkeit noch ganze andere sachen verdient…

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